… Vorwort – Prof. Dr. Wolfgang Heckmann

Drogenabhängigkeit und FamiliengeschichteDer letzte große Krieg war schon ein halbes Jahrhundert vorüber, als uns ins Bewusstsein gebracht wurde, dass wir als Therapeuten mit den sekundären Opfern des Krieges und der sein Geschehen bestimmenden und erleidenden Generation beschäftigt sind. Es war Tilmann Moser, der uns in einem weiten Bogen auf die Schäden verwies, die aus Verhalten und Erleben der Kriegsgeneration an ihre Nachkommen weitergegeben worden waren. Aus stummem Entsetzen, aus Versuchen des Vergessens, aus nicht oft gelingender und auch nicht nachhaltig betriebener Auseinandersetzung, aus kollektivem und radikalem antiautoritärem Protest, kurz: aus einem eklatanten Mangel an echter und gründlicher intergenerationaler Kommunikation sind Verwundungen und Vernarbungen entstanden, die auf der Couch des Analytikers neu aufgebrochen und der Bearbeitung zugänglich geworden sind. Man fragt sich als Zeitgenosse, um wieviel größer die Schäden noch sein mögen, die nicht das Privileg psychotherapeutischer Aufmerksamkeit genießen dürfen.

Nun wird hier – gewissermaßen als Vertiefung des Erschreckens über unsere historische, mehrere Generationen übergreifende Verletzung an historischer Schuld – ins Detail gegangen. Das dem Publikum hier vorgelegte Buch verfährt nicht wie Moser über das gesamte Spektrum psychopathologischer Spuren hinweg, sondern konzentriert sich auf eine Symptomatik: die Suchterkrankung, vorrangig den Missbrauch und die Abhängigkeit im Bereich der illegalen Drogen. Damit erschließt sich ein Spezialgebiet, das sich neben den großen kriegerischen und erkennbar zerstörerischen Ereignissen auch speziell mit den Verstrickungen von Personen und Institutionen in Verführung und Vergiftung, in Verdrängung und Vermarktung von Drogen und Drogenabhängigen beschäftigen muss: Schuld in Vielfalt und nur selten artikuliertes Entsetzen.

Die Konsument/innen illegaler Drogen halten der Gesellschaft von jeher einen Spiegel über ihren Zustand der Verseuchung vor. Der Bezug des individuellen (Fehl)Verhaltens zu mächtigen Interessen z.B. von Pharma-Entwicklern und -Konzernen, ohne deren Energie sich die Mehrheit der Ismen wie Morphinismus, Kokainismus oder Methadonismus kaum je so weit verbreitet hätte, wurde noch selten so gründlich aufgearbeitet und mit Quellen belegt wie hier von Ruthard Stachowske.

Der Autor handelt und schreibt aus Überzeugung. Wer ihn als Vortragenden erlebt, spürt unmittelbar, da will etwas ans Licht, da muss etwas gesagt, der Welt mitgeteilt werden. Er spricht gar vom Paradigmen-Wechsel für die gesamte Suchtkrankenhilfe, die sich aus der mehrgenerationalen Perspektive ergebe.

Im engeren Kontext der therapeutischen Systeme werden da auch Gegenstimmen laut. Manch einer äußert sich kritisch, dass der auf mehrere Generationen sich beziehende Zugang nichts als eine besonders kreative und ausführliche systemische Betrachtungsweise sei. Das ist aber nicht ganz korrekt. Denn letztlich war der pure systemisch-familientherapeutische Ansatz nicht historisch, nicht konsequent vertikal. Erst durch die Erfindung und effektive Nutzung des Genogramms in der Praxis der systemischen Therapie trat die historische Dimension bildhaft zutage und konnte mehr als eine modische Variante werden. In der hier vorliegenden Analyse spielt die genografische Darstellung eine herausragende Rolle.

Sie kann insoweit auch über die psychoanalytische Gewichtung bei Moser hinausgehen und zwei Stränge der Untersuchung zusammenführen: zum einen die Analyse von Dokumenten und Erfahrungen im Umgang mit dem „Drogenproblem-Problem“ innerhalb einer Zeitspanne von 150 Jahren oder sechs Generationen, zum anderen mit der Entwicklung von individuellen und Familien-Schicksalen im Umgang mit Drogen, d.h. Konsum, Missbrauch und süchtiges Verhalten, aber auch Begleit- und Folge-Kriminalität, sozialer Abstieg etc.

Dabei wird augenfällig, wieviel Schuld die legalen Geschäfte-Macher schon auf sich geladen haben, die heute gern mit Fingern auf ihre illegalen Geschwister weisen, wie sehr beispielsweise die Substitution von Abhängigkeit durch neue Stoffe von jeher lediglich ordnungspolitisch motiviert war und den Produzenten der alten Gifte neue Geschäfte mit neuen Giften ermöglichte. Wieviele Lehren könnte man aus der Geschichte ziehen, wenn man nur wollte, wieviele neue Forschungs- und Modell-Programme zur Überprüfung alter und durch Erfahrung aufgelöster Missverständnisse könnte man einsparen und wirklich Neues probieren!

Noch aufregender aber ist die Entdeckung, die in diesem Buch durch die biografische Rekonstruktion des Konsums gleicher und ähnlicher Drogensorten über die Generationen hin erfolgt: Die Polamidon-Konsument/innen der frühen 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts könnten die Wegbereiter für die völlig aus der gesundheitspolitischen Kontrolle geratene Methadon-Verschreibung von heute und für den unkritischen Glauben an den Segen von Medikation mit Ersatz- und Originalstoffen für ihre Enkel-Generation sein. Nicht völlig neue, aber durch ein neues analytisches Verständnis abgesicherte Perspektiven könnten sich daraus auch auf die durch die Hauptakteure der Aids-Hilfe-Organisationen unter gesundheitspolitischen Vorwänden forcierte Liberalisierung des Drogenkonsums ergeben oder auf die in vielen Redaktionsstuben vorherrschende Idee, dass die Legalisierung einzelner Drogen die mit deren Konsum verbundenen Probleme mindern könnte.

Kein Zweifel: Die Gegenwartsgesellschaft ist durch Drogen aller Art verseucht, nur ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung lebt nüchtern (nach Schätzungen der Abstinenten-Verbände sind es nur etwa drei bis vier Prozent der Erwachsenen, die weder illegale Drogen noch Medikamente noch Alkohol oder Nikotin missbrauchen). Wie groß das Ausmaß des daraus entstehenden Elends wird, hängt auch von der Herkunft ab, von den biografisch erworbenen Strategien zum maßvollen Umgang mit Gefährdungs-Potentialen, von Entwicklungsaufträgen, die die Vorväter und -mütter ausgestellt haben, von der Offenheit im Umgang mit Schwächen und dunklen Seiten aus Familiengeschichten.

Die Menschen, die nicht mit Drogen der einen oder anderen Provenienz umgehen können, benötigen Hilfe: Toleranz, Zuwendung, Beratung, Therapie, Reintegration. In vielen Fällen ist die Hilfe aber noch dringlicher:

Überlebens-Strategien sind gefragt, Minderung von Elend, Vermeidung von Risiken.
Die Initiative von Ruthard Stachowske, hier eine neue Grundhaltung im Umgang mit gezeichneten Individuen einzuüben, ihr heutiges Erscheinungsbild im Kontext ihrer vorgängigen Entwicklungsprozesse zu bewerten, die sich jedem eingeführten Anamnese-Schema noch entziehen – und ihnen deshalb auch anders zu begegnen, ist nun in der Welt. Sie wird Früchte tragen bei all den Leserinnen und Lesern, die sich auf die Komplexität der ausgewerteten Lebensgeschichten und ihrer historischen Geworfenheit und Gewordenheit einlassen können. Daraus sollte die Bereitschaft erwachsen, noch weniger, als uns dies ohnehin unsere berufliche Ethik vorschreibt, das heutige Drogenelend als ein aus Leichtsinn je individuell selbst verschuldetes wahrzunehmen, sondern familiäre, womöglich auch lange zurückliegende systemische und historisch übertragene Einflüsse mit zu berücksichtigen und sie in die therapeutische Dimension hineinzuholen. Mit einem an Theodor Adorno orientierten Wort: In Deutschland muss noch auf absehbare Zeit jede Therapie Therapie nach Auschwitz sein.

Deshalb ist diesem Buch viel Erfolg beim Fachpublikum und eine hohe Verbreitung darüber hinaus zu wünschen.

Eine abschließende Bemerkung bezieht sich notwendigerweise auf den Ort, aus dem ich schreibe. Im Osten unseres Landes leben wir in einem hoch aufregenden sozialpsychologischen Kontext, der der Nachkriegszeit vor 50 Jahren nicht unähnlich ist: Wissen und Gerüchte über Schuld und Verstrickung, aber praktisch keine öffentliche Auseinandersetzung darüber. In Gemeinwesen, Organisationen, Familien gibt es kaum Kontroversen, stattdessen eine steigende Zahl von Themen, die aus dem Alltag ausgeklammert bleiben. Übergang zur Tagesordnung. Nicht ganz umstandslos, einige scharfe Diskurse gab es schon. Aber die fanden mehr unter Prominenten statt. Hier tickt eine Zeitbombe. Verlierer eines Krieges und Schuldige zugleich haben Tilmann Moser beschäftigt. Verlierer einer Idee und Schuldige an deren Verrat oder Missbrauch oder Versagen oder, oder … werden die Therapeut/innen eines Teils der jetzt hier heranwachsenden Generation beschäftigen. Für den Autor dieses Buches und alle, die seiner Sichtweise folgen wollen, gibt es viel zu tun. Erst recht dann, wenn man die Absicht verfolgt, die Analyse korrekt und gründlich zu betreiben, statt einfache Schuld-Zuweisungsmuster zu aktualisieren.

Magdeburg, im März 2002

Prof. Dr. Wolfgang Heckmann

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