… Vorwort Arist von Schlieppe

Drogenabhängigkeit und FamiliengeschichteUnsere Zeit ist eine Zeit des Spezialwissens. Wir haben auf vielen Feldern ein ungeheures Detailwissen aufgehäuft, in einem Umfang und einer Schnelligkeit, wozu es in der Geschichte kein Beispiel gibt. Dies ist jedoch nicht nur ein Segen. „Wissen schafft Wüste“ heißt es in einem wissenschaftskritischen Buch : Wir stehen in der Gefahr, dass Spezialwissen Spezialisten hervorbringt, die sich zwar auf ihrem jeweiligen Feld hervorragend auskennen, denen jedoch ein Bewusstsein für die Verbindung fehlt, für die „Ökologie der Wissensbereiche“. Dann kann es geschehen, dass hochspezialisiertes Wissen ein- und umgesetzt wird, ohne die Querverbindungen zu bedenken, ohne einen Blick auf die Zusammenhänge des „Ganzen“. Für den Umgang mit dem Thema „Drogen und Drogenmissbrauch“ können wir dies im Feld der Psychotherapie genauso beobachten wie in der Politik.

Es braucht heute vor allem „Verbinder“, Persönlichkeiten, die in der Lage sind, die Perspektiven verschiedener Felder zusammenzuführen und zu integrieren. Der Autor des vorliegenden Buches ist ein solcher Verbinder. Er kennt sich in der praktischen therapeutischen Arbeit mit drogenabhängigen Klienten hervorragend aus und ist gleichzeitig mit wissenschaftlichem Denken und wissenschaftlichen Arbeiten vertraut, ist belesen, kennt die Geschichte, nicht nur die des Drogenkonsums, sondern auch übergreifende soziologisch-historische Perspektiven. Mir ist kein Werk zum Thema „Sucht“ bekannt, das so breit angelegt ist: Es versteht Sucht zunächst als viel zu wenig reflektiertes gesellschaftliches und historisches Phänomen und geht dann zu einer familiensystemischen Perspektive über, ein Schwerpunkt liegt dabei auf den Mehrgenerationendynamiken in Familien – ein wesentlicher Akzent gerade angesichts aktuell populärer lösungsorientierter Kurz-Therapiekonzepte. Die Kernthese, dass sich „Familiengeschichten und Drogen-Substanzen begegnet sein müssen“ (S. 7) und die hier besonders herausgestellte, neu belegte Geschichte der Wurzeln der aktuellen Drogenepidemie seit 1826 verbieten es, das Phänomen Drogenabhängigkeit als Antwort der heutigen Jugend auf die Gesellschaft oder einfach als kriminelle Aktivität einer heute zufällig besonders groß gewordenen Mafia zu verstehen.

Da ist denn auch nicht zu befürchten, dass ein Drogenabhängiger als Einzelner „auf die Couch gelegt“ wird, auch nicht, dass sich die Arbeit im Führen von Familiengesprächen erschöpft – genauso wenig wie das Heil in einer revolutionären gesellschaftlichen Veränderung oder im Abbrennen von Opiumfeldern in Fernost gesucht wird. Der in diesem Buch angebotene Weg ist eher schwieriger als bisher begangene. Es geht darum, in mühsamer, genauer rekonstruktiver und konstruktiver Arbeit mit Betroffenen und Beteiligten auf schmerzhafte Bereiche zu schauen – und nicht bei der Historie des einzelnen, auch nicht bei seiner Familiengeschichte stehen zu bleiben, sondern immer wieder den Blick darüber hinaus zu wagen. Dass dabei dann auch kritische Fragen gestellt werden, bis hin zu der Frage nach dem eigenen, ganz persönlichen Verhältnis zu der nationalsozialistischen Vergangenheit, ist ein Aspekt, der dieses Buch zu einer Herausforderung macht: Die These der Verbindung von Familiengeschichten und Drogengebrauch wird nicht abstrakt und theoretisch durchbuchstabiert, sondern hier wird lebendige Geschichte erzählt – das erschütterndste ist das Kapitel über die Opfer des Holocaust und über die NS-Zeit und ihre Folgen in den Seelen von Familien und Einzelpersonen.

Hier genügt eine einzige Theorie nicht, und so schlägt das Buch auch Brücken über verschiedene therapeutische Schulen und Orientierungen, etwa wenn tiefenpsychologische Konzepte wie „Verdrängung“ oder „Verleugnung“ mit familiensystemischen Bezügen verbunden werden, um historische Phänomene einzuordnen. Es entsteht ein schlüssiges Bild, das das Phänomen Drogensucht auf neue Weise verstehbar werden lässt – und doch die Patienten nicht als willenlose Opfer der Vergangenheit sieht, sondern als aktiv entscheidende Personen, gleichzeitig tief verstrickt in eine schon lange währende Dynamik der eigenen Familie, an der er (oder sie) schwer trägt (wie die bewegenden Fallbeispiele zeigen) und die er/sie gleichzeitig nur teilweise versteht, wenn überhaupt. Familientherapeutische Gespräche unter Einbezug so vieler Generationen wie möglich zeigen sich hier als erfolgversprechender Weg zur Entschlüsselung dieser Dynamik. Die vom Autor dabei mit eigener Akzentsetzung weiterentwickelte Methode der genographischen Analyse bildet den praktisch-relevanten Schwerpunkt des Buches. Die Genauigkeit der Analyse ist beeindruckend und führt geradezu zwingend die Stimmigkeit der theoretischen Überlegungen vor Augen.

Abschließend eine Bemerkung zu der Praxisrelevanz des Buches: Es ist und bleibt ein wissenschaftliches Werk. Es werden theoretische Überlegungen aufgestellt, die anhand von praktischen Fällen und Therapieverläufen einer sehr detaillierten wissenschaftlichen Argumentation unterzogen werden. Konkrete praktische „Handanweisungen“ zur Durchführung von mehrgenerationalen Familientherapiegesprächen wird die Leserin/der Leser in diesem Buch nicht finden. So gesehen ist es eher als ein Werk gedacht, das als Handbuch mit einer Fülle von Einzeldetails aufwartet und das Hintergrundwissen für die Praxis vermittelt. Man kann es als Nachschlagewerk nutzen, man kann es aber auch lesen wie einen spannenden Roman – in beiden Fällen gewinnt die eigene Optik an Breite und an Tiefe. Das ist der Sinn des Buches und in diesem Sinn empfiehlt es sich genauso für Praktiker in der Drogenhilfe wie für vorwiegend wissenschaftlich interessierte LeserInnen.

Osnabrück, im März 2002

Arist von Schlippe

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