… Rezension Jost Leune

Drogenabhängigkeit und Familiengeschichte

Drogenabhängigkeit und Familiengeschichte

Rezension

Stachowske, Ruthard; (2002); Mehrgenerationentherapie und Genogramme in der Drogenhilfe – Drogenabhängigkeit und Familiengeschichte; Asanger Verlag GmbH Heidelberg & Kröning

Darauf hätte man schon viel früher stoßen können. Das Eltern, Partner, Angehörige an der therapeutischen Behandlung Suchtkranker mitwirken sollten ist ja auch seit längerem Standard. Dieses jedoch wissenschaftlich zu begründen und mit Handlungsanleitungen für die Praxis zu versehen ist Verdienst von Dr. Ruthard Stachowske, dem Leiter der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch, einer Einrichtung der Jugendhilfe e. V. Lüneburg. Diese Einrichtung war eine der ersten, die nicht nur drogenabhängige Menschen und ihre Kinder im Rahmen eines ganzheitlichen Therapiekonzeptes aufnahmen, sondern für die Kinder auch eine ihren Bedürfnissen entsprechende Betreuungseinrichtung nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz zur Verfügung stellte. Die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch ist immer noch Vorzeigeobjekt und im Sinne der „best practice“ herausragendes Angebot. Der Leiter der Einrichtung Dr. Ruthard Stachowske hat sich nicht nur intensiv des Themas Kinder von Drogenabhängigen angenommen, sondern seine praktische Arbeit auch wissenschaftlich untermauert.

Herausgekommen ist ein Buch, in dessen Mittelpunkt die Genogramm-Analyse steht, die vom Autor mit eigener Akzentsetzung weiterentwickelt wurde. „Man kann es,“ so der Rückentext, „als Nachschlagewerk mit bewegenden Fallbeispielen nutzen, man kann es aber auch lesen wie einen spannenden Roman.“ Der Verlag schreibt weiter: „Die Abhängigkeit von illegalen Drogen ist weder eine Antwort auf die Gesellschaft noch einfach eine kriminelle Aktivität. Drogenabhängige sind auch keine willenlosen Opfer der Vergangenheit, sondern aktiv entscheidende Personen, die gleichzeitig tief verstrickt sind in eine schon lange währende Dynamik in der eigenen Familie.“

Nun ist es also eindrucksvoll belegt. Auf 223 Seiten stellt Stachowske die von ihm angewandte Mehrgenerationentherapie vor. Dabei ist er so freundlich, den Leser durch eine sanfte Heranführung den Einstieg leicht zu machen. Das Einführungskapitel „Die Entwicklung individueller Lebensentwürfe und familiärer Prozesse im Zusammenhang mit mehrgenerationalen Wirkfaktoren“ stellt die aktuellen Theorien dieser psychologischen Richtung vor und weist auf die insbesondere im Nationalsozialismus entstandenen Täter-Opfer-Beziehungen hin, die nach wie vor die Menschen bewegt.

Ein zweiter Abschnitt beschreibt die geschichtlichen Grundlagen für die Entwicklung von Drogenabhängigkeit in Europa, die eng an die Bedeutung der chemisch-pharmazeutischen Industrie geknüpft sind und natürlich auch die großen Kriege des vergangenen Jahrhunderts. Schließlich dürfen die Sozialgesetzgebung und das Betäubungsmittelrecht nicht außer Acht gelassen werden.

Erst dann wird anhand von vier Genogrammen die Analyse mehrgenerationaler Prozesse bei der Entwicklung drogenabhängiger Lebensentwürfe vorgestellt.

Ein weiterer Abschnitt widmet sich der Rückkopplung von Geschichte und mehr-generationaler Familiengeschichte auf die Entwicklung drogenabhängiger Lebensentwürfe, bevor im Abschlusskapitel die Relevanz der mehrgenerationalen Perspektive für das familienorientierte Drogenhilfesystem entwickelt wird.

Der Leser fühlt sich mit diesem Buch gut behandelt. In einer enormen Fleißarbeit hat Stachowske umfangreiches Material zusammengetragen und für die Veröffentlichung bearbeitet. Das betrifft nicht nur die Familientherapie, in der die Komplexität generationaler Prozesse bisher wissenschaftlich noch nicht entwickelt wurde, auch wenn generationsübergreifende Zusammenhänge im Prozess der Lebensreifung an verschiedenen Stellen bearbeitet wurden. Auch die von Stachowske als „Drogenepidemie“ bezeichnete Entwicklung der Drogenabhängigkeit wird umfassend seit dem Jahr 1806 beschrieben, in dem Friedrich-Wilhelm Sertuerner aus dem Opium das Alkaloid „Morphium“ isolierte. In einer eindrucksvollen Tabelle wird die Entwicklung der Drogensubstanzen belegt, und das nicht nur mit Jahreszahl und „Entdecker“, sondern auch mit den entsprechenden wissenschaftlichen Fundstellen.

Besonderen Raum nimmt dabei die Entstehung von „Suchtwellen“ in Folgen von Kriegen ein. Die rechtlichen Rahmenbedingungen einerseits der Sozialgesetzgebung andererseits auch des Umfanges mit „neuen Drogen-Substanzen“ werden ebenso umfangreich dargestellt. So zitiert Stachowske eine Bekanntmachung folgenden Inhalts: „Höhere Anordnung zufolge untersagen wir hierdurch den Apothekern unseres Verwaltungs-Bezirkes mit Bezugnahme auf § 68 der Apothekenverordnung (…) das Vorrätighalten von abgewogenen Pulvern mit einer bestimmten Menge eines Opiumpräparates oder eines anderen narkotischen Mittels unter Androhung einer angemessenen Ordnungsstrafe für den Übertretungsfall“. Diese Bekanntmachung wurde von einem Herrn Möller aus der königlichen Landdrostei erlassen und in den Lüneburger Anzeigen vom 16.10.1879 veröffentlicht. Vorläufer einer Betäubungsmittelverschreibungsverordnung aus dem Jahre 1925 werden ebenso zitiert wie ärztliche Berichte über – wie wir heute sagen würden – Drogenabhängige aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts.

Auch wenn diese Informationen zunächst nur einen ästhetischen Reiz haben, ist es notwendig, sie zugrund zu legen, um deutlich zu machen, dass es seit vielen Generationen Probleme mit nach den jeweiligen gesellschaftlichen Konventionen illegalen Substanzen gab, die in heutigen Biographien immer wieder auftauchen. Stachowske fasst daher (auf Seite 96) zusammen, dass die Kenntnisse zu mehr-generationalen Prozessen und geschichtlichen Einflussgrößen folgende Grundannahmen zulassen:

– „Es gibt spezifische generationale Prozesse im Micro-System Familie, in denen sich in einem dynamischen, zeitlich eingrenzbaren generationalen Prozess Zusammenhänge entfalten, innerhalb derer sich die Dynamik im System der Generationen entwickelt.

– Es gibt Fakten der Geschichte im Macro-System Kultur, die in besonderer Weise das Micro-System Familie beeinflussen.

– Der kulturtragende, komplexe Prozess des Tradierens ist für beide Systeme und damit für die Entwicklung drogenabhängiger Lebensentwürfe von Bedeutung.

– Durch das Zusammenwirken aller geschichtlichen und familiengeschichtlichen Faktoren werden Erkenntnisse und Erfahrungen, aber auch die Störungen und traumatischen Effekte erlebt und tradiert, die in aktuellen Therapien zu bearbeiten sind.“

Stachowske folgert daraus: „Die genaue Kenntnis dieser Zusammenhänge und der einzelnen Wirkfaktoren ist für die Aufklärung der Lebensentwicklung drogenabhängiger Lebensentwürfe unabdingbar.“

Der Autor stellt dann überzeugend den Versuch einer Systematisierung vor, die er anhand von vier beispielhaften Genogrammen umsetzt. Die Darstellung der Fallbeispiele macht mit über 60 Seiten nicht nur den Schwerpunkt des Buches aus, sondern ist auch eine ausgesprochen spannende, bisweilen aufwühlende, Lektüre. In der Auswertung dieser Daten beschreibt er dann die drogenkranken Lebenssequenzen, traumatisch Effekte, die Suchtentwicklung in den Generationen und anderes mehr noch einmal im Querschnitt.

Gut, dass die Relevanz der mehrgenerationalen Perspektive für das familienorientierte Drogenhilfesystem abschließend noch einmal ausführlich dargestellt wird.

Alles in allem also eine überzeugende Veröffentlichung von echtem Neuigkeitswert mit vielen spannenden und notwendigen Details und Ansätzen. Dass man dieses Buch dann doch von Zeit zu Zeit zur Seite legen muss, um seine Gedanken neu zu ordnen, hat damit zu tun, dass es nicht für den lesenden Endverbraucher geschrieben wurde, sondern eine wissenschaftliche Abhandlung ist. So finden sich verschiedene Darstellungen und Erklärungen an mehreren Stellen im Text, so dass diese Wiederholungen zum Teil ermüdend wirken können. Hinzu kommt eine gelegentliche sprachliche Umständlichkeit, die etwas mühsam zu überwinden ist. Und es ist natürlich schade, dass das Büchermachen keine Kunst, sondern nur noch ein technischer Prozess ist. Ein Lektor hätte dem Buch an vielen Stellen gut getan und ein lesefreundlicheres Layout hätte dem Ganzen gut angestanden.

Klagen wir aber nicht über die Form, sondern bleiben wir beim Inhalt und resümieren wir das Wesentliche, was der Autor bereits auf Seite 168 geschrieben hat:

„Es ist zukünftig notwendig, die relevanten geschichtlichen Effekte als eigenständige Größen in den generationenbezogenen Entwicklungsprozessen sehr viel deutlicher in ihrer Wirkung zu beachten, als dies bisher geschehen ist. So sind die wirtschaftlichen, politischen und industriellen Einflüsse im Kontext zur Drogenabhängigkeit in ihrer Dimension verkannt. Tatsache ist: Wir bewegen uns in einer ca. 175 Jahre alten Geschichte von Drogenabhängigkeit, die weitestgehend verdrängt und verschleiert ist. Vielleicht ist dieser Mythos für unsere Kultur notwendig, um Realitäten abzuwehren, weil diese zu sehr schmerzen. (…) In dem neu zu entwerfenden Bild über die komplexen Entwicklungsbedingungen von Drogenabhängigkeit werden Verantwortlichkeiten neu zu sehen sein. Und: Es erfordert eine neue Art von Therapie, nicht nur diejenige auf der Couch, sondern auch eine auf die Gesellschaft und Politik bezogene. Eine neue Sicht der Dinge macht es notwendig, klassisch individualzentrierte Ansätze durch kontextuelle zu erweitern und fordert dazu auf, die wichtigsten Bezugsgrößen mehrgenerationaler Prozesse neu zu beachten. Dies sind die kulturellen, politischen und geschichtlichen Einflüsse und Zusammenhänge.“

Empfehlung an die Drogentherapeut/innen: Diese Buch sollten Sie lesen.

Jost Leune
Fachverband DROGEN UND RAUSCHMITTEL e. V.,
Odeonstr. 14, 3059 Hannover
Tel.: 0511/18 333, Fax: 18 326,
eMail: mail@FDR-online.info,
http://www.FDR-online.info

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